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©unknown
Ich hatte grosses Glück. Meine Cousine ist gestorben. Und ich konnte mich 23 Monate lang von ihr verabschieden. Sie hatte einen unheilbaren Gehirntumor und ist vor 3 Monaten gestorben. Eigentlich weiss ich nicht ganz genau, wann sie uns wirklich verlassen hat, weil der Tumor langsam immer mehr von ihr vereinnahmt hat und am Ende nicht mehr viel übrig war von der Frau mit der ich aufgewachsen bin und die ich wie eine Schwester an meiner Seite hatte. Aber wer bin ich, zu entscheiden, wer sie wirklich war? Das Leben besteht aus Veränderungen und wie schnell wir uns verändern hängt von ganz verschiedenen Dingen ab.
Dieser Blog handelt von Veränderung und ich begleite, beobachte und dokumentiere meine Models in ihrer Veränderung. Ich habe auch die Veränderungen meiner Cousine dokumentiert. Das musste ich. Es war mein Weg das Unbegreifliche begreiflich zu machen und gab mir die Möglichkeit einen Filter zwischen mich und das Unfassbare zu schieben.
Ich habe natürlich schon viel länger als 23 Monate zugesehen, wie meine Cousine sich veränderte. Von einem manchmal nervigen Kind, mit dem ich immer Horrorfilme ansehen musste (ich hatte hinterher die Albträume, nicht sie), das ununterbrochen redete und NIE im Auto schlief zu einem großen, dünnen Teenager, der in der Schule gemobbt wurde, in eine selbstbewusste, schöne Frau, die irrsinnig viel Sinn für Mode und einen ganz eigenen Humor hatte. Wir verbrachten unsere Kindheit zusammen, fuhren zusammen in Familienurlaube und begaben uns später auf unsere ersten abenteuerlichen Bahnreisen ohne elterliche Aufsicht. Zusammen entdeckten wir das Münchner Nachtleben, sobald sie ihren Führerschein in der Tasche hatte. Und wir entdeckten es gründlich. Mit ihr gab es keine Grenzen, weil sie vor nichts zurückschreckte. Ohne zu überlegen ging sie an den mächtigsten Türstehern der Stadt vorbei, hinein in die angesagtesten Clubs München’s (viele waren es nicht) – ich immer ganz knapp hinter ihr. Viel Spass und Abenteuer wäre mir ohne sie entgangen. Ohne sie wäre ich nicht derselbe Mensch geworden, der ich heute bin. Sie war furchtlos, hat nie gezaudert, sondern einfach gemacht. So wie sie in ihren 20ern in die USA gegangen ist, einfach so, ohne jemals vorher da gewesen zu sein (ohne besonders gute Englischkenntnisse) und sich dort ein neues Leben aufgebaut hat. Sie traf am Strand einen Rettungsschwimmer, in der ersten Woche nach ihrer Ankunft, heiratete ihn, bekam einen Sohn (alles innerhalb des ersten Jahres), ließ sich von ihm scheiden, baute sich eine Karriere als PR und Marketing Expertin auf, zog ihr Kind alleine groß, heiratete nochmal, zog von Kalifornien nach Oregon weil sie die Jahreszeiten vermisste, wurde Yoga-Lehrerin – und bekam 10 Jahre später einen Gehirntumor.
Wir haben uns nie aus den Augen verloren. Waren immer eng verbunden, auch wenn es Zeiten gab, in denen wir wenig gesprochen haben, weil wir so beschäftigt mit unseren Leben waren.
Als ihr Vater vor 20 Jahren starb habe ich sie angerufen um es ihr zu sagen, als ihre Mutter vor 6 Jahren plötzlich nicht mehr aufwachte war wieder ich es, die sie mit einem Anruf aus dem Schlaf riss und die mit ihr weinte. Vor 2 Jahren bekam ich dann einen Anruf. Von ihrem Mann, der mir mitteilte, dass meine Cousine eine schwere Gehirnoperation hinter sich hatte, weil sich in ihrem Kopf ein riesiger Tumor gebildet hatte, alle Anzeichen dafür falsch gedeutet worden waren und ihr Hirndruck so hoch war, dass sie fast daran gestorben wäre. Er musste sofort entfernt werden. Glioblastoma Multiforme. Grad IV. Unheilbar und tödlich. Durchschnittliche Überlebenszeit: 15 Monate. Ich habe geweint, diesmal alleine. Und ich fuhr 3 Monate später zu ihr. Der erste von drei Besuchen in Portland, Oregon, um meiner Cousine auf Wiedersehen zu sagen. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde, als ich am Flughafen ankam, aber mit einem hatte ich ganz sicher nicht gerechnet: mit meiner Cousine, die mich eine Stunde zu spät in ihrem eigenen Wagen abholte und fuhr wie eine 90-jährige. Sie war äusserlich gealtert, ihre Haare waren kurz und grau (zumindest die Büschel, die die Chemotherapie übrig gelassen hatte) und sie tat auch nichts um das zu verbergen. Keine Mütze, kein Tuch. Die Eitelkeit war verschwunden, so kam es mir vor. Viele Jahre hatte sie für hochwertige Kosmetikfirmen gearbeitet, wo gutes Aussehen und Jugend alles bedeuteten und da war sie nun, mit ihrem zerrupften Haar, aufgeschwemmt von starken Medikamenten, den Behinderten-Parkausweis am Rückspiegel – aber fröhlich und am Leben und es kümmerte sie einen Scheiss. Zuerst dachte ich, dass die Chirurgen ihr vielleicht den Eitelkeits-Bereich versehentlich mit aus dem Gehirn entfernt hätten, bis es mir dann dämmerte: sie wollte sich einfach nicht verstecken. Es kam ihr gar nicht in den Sinn, dass es irgendetwas geben sollte, für was sie sich schämen müsste. Meine Cousine war wahrscheinlich die unprüdeste Person, die ich jemals kennengelernt habe. Ihr Sohn hat immer die Augen verdreht, wenn sie wieder ohne BH im Haus herumlief, weil er wahrscheinlich an seine ganzen amerikanischen Schulfreunde dachte, die ihre Eltern noch nie nackt gesehen hatten. ‚My European mum‘ sagte er immer (mit einem Anflug von Stolz).
Sie hat nie über’s Sterben geredet. Über die Zukunft, über’s Altwerden, vielleicht nach Costa Rica ziehen, nach Deutschland kommen auf Besuch, das schon. Aber immer ohne ein ‚das und das muss ich noch unbedingt tun bevor ich sterbe‘, keine Pläne einer Himalaya-Besteigung oder einen Marathon zu laufen. So eingeschränkt wie sie körperlich war, ihr Lebensgeist war ungebrochen. Vielleicht war sie ein bisschen unfokussierter, ihr Zeitgefühl war ihr definitiv abhanden gekommen (besonders gut war es nie gewesen), sie war übersensibel auf Lautstärke und Berührung und super schreckhaft, aber sie war immer noch ganz sie selbst mit ein paar Filtern weniger.
9 Monate später, bei meinem nächsten Besuch glaubte ich auch wieder an die Zukunft. Ihre Motorik hatte sich verbessert, ihr Aussehen und ihr Geist. Das Kurzzeitgedächtnis war wieder besser, ihr Zeitempfinden war zurückgekehrt. Im Auto fühlte ich mich auch wieder um einiges sicherer mit ihr. Wir verbrachten acht Tage an der Küste, machten Spaziergänge, stöberten durch Second Hand Läden, tranken Margaritas und hatten lange Gespräche darüber, wie wir uns gegenseitig sehen, über unsere Mütter, über schöne Frisuren in Modemagazinen. Nie über Krankheit und Tod. Einmal sprach sie darüber bei meinem ersten Besuch, wie eine kleine Fussnote, im Nebensatz – ‚..na, vielleicht seh‘ ich ja doch bald die Radieschen von unten..’und dann weinte sie kurz. Aber das war’s. Es war nie wieder Thema und ich habe sie nicht bedrängt. Sie hat mich den Tod vergessen lassen. Mir zeitweise die Zuversicht gegeben, das alles gut wird. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich sogar ‚vielleicht ist sie das eine Wunder‘. Aber 9 Monate später schlug die Realität zurück mit einem erneuten Anruf ihres Mannes, der mir mitteilte, dass zwei neue Tumore in ihrem Kopf aufgetreten und schnell gewachsen seien. ‚Es gibt keine weitere Operation‘ das war alles, was ich hörte und ich wusste, was es bedeutete. Also habe ich mich das letzten Mal auf den Weg gemacht. Diesmal holte mich niemand vom Flughafen ab, ich nahm einen Mietwagen. Dieses Mal war ich es, die sie herumfuhr. Die aussuchte, wo wir hinfuhren, die bestimmte, dass wir ein letztes Mal den langen Weg an den Strand fahren würden. Nochmal die Orte besuchen, an denen es uns so gut gefallen hatte. Ich war es, die sie jeden morgen aus dem Bett zerrte, ihr beim Duschen half, beim Anziehen und beim Ein-und Aussteigen aus dem Auto. Ich werde nie wissen ob sie diese Ausflüge genossen hat, die vielen Cafés, weil sich ein großer Teil von ihr schon nicht mehr im Hier und Jetzt befand. Aber sie war bei mir und ich bei ihr. Sie nannte mich bei meinem Spitznamen, genoss meine Gesellschaft und erlaubte mir, mich um sie zu kümmern. Ihr zu helfen. Für sie zu entscheiden, wenn sie keine Meinung mehr hatte. Wir sprachen wenig. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so einsam gefühlt. Und ich fühlte mich privilegiert. Dass ich die Möglichkeit hatte mit ihr zusammen zu sein, mich um sie zu kümmern, ihre Haare zu waschen, sie anzuziehen. Als wenn sie mein Kind wäre. Meine starke, selbstbestimmte Cousine.

Sie starb 2 Monate nachdem ich abgereist war, ihr Zustand hatte sich in der darauffolgenden Woche dramatisch verschlechtert.

Wer sich nun fragt – ‚warum zum Teufel erzählt sie uns das? Es ist so persönlich.‘ Ja, das ist es, aber ich bin es leid, dass Tod und Krankheit aus unserem Leben ausgeblendet wird. Niemand wagt zu fragen, niemand redet darüber. Und doch ist es Teil unseres Lebens. Teil meines Lebens. Ich bin froh, dass ich lebe, froh, dass ich älter werden darf. Ich hadere nicht mit meinen Falten, ich bin freue mich, dass ich sie erlebe. Das habe ich vom Tod gelernt. Was wäre das Leben sowieso wert ohne den Tod?

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©Julia Richter

12 comments

Liebe Julia,
das ist ein wunderschöner, besonderer und wichtiger Text.
Ich hoffe er wird noch viele Menschen erreichen.
Danke Dir!
F

Liebe Florian,
vielen Dank, es war mir einfach sehr wichtig und musste raus. Immer nur still leiden, trauern ist irgendwie verkehrt. Gehört zum Leben dazu und macht uns auch reicher an Gefühlen und Empathie.
xxxJulia

Oh Julia!
Writing inEnglish on my phone. I’m so touched and sad to read this and so happy to have known Sabine! I hadn’t seen her in years and didn’t know she was ill or that she died. Your post made me remember her so vividly, what a light she was, her smile, her total dedication to whatever she was in to, yoga, raw food, veganism…. Last time I ran into her was maybe 3 years ago at Starbucks on Sylvan, when I almost didn’t recognize her – she told me she had some health issues but things had changed for the better.
Thank you for writing this beautiful post that brought her back in my mind. May she be in peace and let sparks rain down on all the ones she loved,
Daniela

Was für wundervolle Worte du gefunden hast – es hat mich ganz tief berührt. Dein Text hat mich traurig gemacht und gleichzeitig glücklich und dankbar.

Dear Daniela,
So kind of you. That’s the reason I wrote this post. Sabine knew sooo many people and a lot of them weren’t aware what was going on within those last two years of her life. So this is a fresh memory that I am sharing with you, a tribute to a very special person who left a lot of footprints in our hearts. To me she was always an inspiration and will always be.
I hope to see you again one day 🙂
xxxJulia

Liebe Anja,
vielen Dank, das freut mich sehr. Trauer und Glück liegen ja oft nah zusammen, sowie auch Leben und Tod. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Das vergessen wir eben. Eigentlich sollte man sich auch immer freuen, wenn man tief trauert, denn es bedeutet ja auch, dass da zuvor jemand war, den man tief geliebt hat. Aber ist auch immer leichter gesagt als getan 🙂
Liebe Grüße,
Julia

Liebe Julia, es tut mir so leid für Dich und die Familie Deiner Cousine! Aber ja, ich finde es auch wichtig, dass Krankheit, Tod und Trauer nicht verdrängt werden. Dein Text ist wunderbar und sehr berührend. Ich erlebe gerade Ähnliches mit meinem Bruder. Alles Liebe, Susanna

Liebe Susanna, das tut mir sehr leid zu hören, es ist nicht leicht, damit umzugehen, jeder muss da seinen ganz eigenen Weg finden. Aber ich finde es tatsächlich schön, wenn man nicht nur auf stumme Betroffenheit trifft, sondern wenn man auch darüber reden kann (oder schreiben oder malen oder fotografieren oder sonsteine Ausdrucksform findet). Das hilft beim Verarbeiten und beim Erinnern, wenn der Mensch dann nicht mehr da ist. Ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder, xxxJulia

Mein Liebe Alte Freundin,
ja ich will mit dir alt werden! Danke Dir für deinen wichtigen Text über den Tod und das Leben und über deine wunderbare und einzigartige Cousine.
Danie

Ja, ich auch, auf das wir alt werden mit allem, was dazu gehört. Das setzt die Falten und die Schwerkraft und alles, was das Älerwerden so im Gepäck hat doch ziemlich in Relation. Schön, das wir unsere Falten noch erleben, je mehr und je tiefer, desto mehr Leben. Am tiefsten werden hoffentlich die Lachfalten 🙂

Liebe Julia,

ich wollte eigentlich nur den Link zu deiner Seite probieren, nachdem ich deine Daten in meine Kontakte übertragen hatte. Ich verschreibe mich immer gerne, mit meinem Zweifingersystem…

Dann fiel mir der Text „Über den Tod“ auf und gleichzeitig das Datum: Freitag, 08.September 2017. An dem Tag ist Sandra gestorben. Es hat mich zwei Taschentücher gebraucht, bis ich zu Ende lesen konnte. Ja, Männer können auch weinen, eigentlich viel zu selten, stelle ich in den letzen Wochen fest.

Du hast die Freundschaft und die gemeinsamen Highlights so wunderbar beschrieben. Ich habe in den letzten Absätzen viele Parallelen zu meinem Abschied von Sandra gefunden. Die Endgültigkeit des Tod ist so mächtig, da braucht es Zeit, um den tieferen Sinn zu verstehen. Und keiner kann Dir das „Warum“ erklären.

Liebe Grüße
Jürgen

Lieber Jürgen,
ich freu‘ mich, dass Du auf den Text gestossen bist. Ihn zu Schreiben war auch ganz wichtig für mich. So für’s Erinnern und zum Weinen. Weinen tut gut und es hilft besser als runterschlucken. Ich werde sicher noch lange weinen und den tieferen Sinn suche ich auch noch. Vielleicht liegt er darin, dass wir lernen uns über das zu freuen, was wir haben und nicht dem nachtrauern, was wir nicht mehr haben können. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass es diese Person in meinem Leben gab, die ich nun so vermisse und dass ich so viel Zeit mit ihr hatte. Du uns ich, wir hatten ja beide eh das Glück, dass uns der Tod nicht überrascht hat, sondern wir die Zeit noch ganz intensiv erleben konnten. Das trag ich jetzt in einer Schatztruhe mit mir herum und wenn ich traurig bin, dann schau ich rein.
Liebe Grüße zurück,
Julia

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